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Wie geht es dir wirklich?

»Wie geht es dir wirklich?«


Wann hast du das letzte Mal interessiert nachgefragt? Und wann hast du das letzte Mal auf diese Frage eine ehrliche Antwort gegeben?


»Läuft bei dir!« Diese Aussage höre ich in den letzten Tagen häufiger und dann schiele ich heimlich über meine Schulter, ob jemand anderes gemeint ist. Bevor ich begreife und Fragen auf dem Herzen habe.


»Wie kommst du darauf?«, will ich wissen.


»Na auf Insta und LinkedIn, da bist du ständig präsent und zeigst so geile Sachen.«


Hm. Ich nicke. Stimmt irgendwie. Ich lache und produziere Content. Ich zeige ein Stück meines Alltags und manchmal verschwinde ich für Stunden und Tage. So eine One-Woman-Show muss gelegentlich in die Garderobe, sich frisch machen und Energie auftanken. Das sind die Momente, die ich nicht gern teile. Mit nacktem Gesicht und purer Seele.


»Das geht auch niemanden etwas an.«, höre ich die Worte in meinem Kopf hallen.

»Ist das wirklich so?«, frage ich zurück. Ich bin doch beides. Ich bin die guten und die schlechten Tage, das Yin und das Yang. Warum teile ich nur das eine und verstecke das andere?


»Weil Freude und Erfolg willkommener sind«, schallt es mir als Antwort entgegen. Nicht jeder will wissen, wie es hinter dem Lächeln aussieht. Dabei wäre das Leben so viel einfacher, wenn wir ehrlich miteinander umgehen. Vor allem in sozialen Netzwerken, die nur Bruchstücke eines Lebens zeigen. Und in Gesprächen, die zwischen Menschen passieren.


Ich kann die Stunden nicht mehr zählen, in denen ich dieses Jahr an mir zweifelte. An mir als Mensch und an meinem Business. Ob ich den richtigen Weg gehe, oder mich gerade verirre. Ob ich weitermachen oder vom rumpeligen Waldweg auf die gerade Asphaltstraße abbiegen soll? Schlaflose Nächte, übermüdete Tage. Dazwischen Sonnenstrahlen, die durch das dichte, grüne Laub der Bäume brechen. Flirrende Lichtpunkte und wohlige Wärme auf meiner Haut. Menschen, die meinen Weg kreuzen und mit mir in tiefe, gute Gespräche eintauchen.


Manche werden zu Wegbegleitern, andere gehen ihren eigenen Pfad. Einige suchen die Geradlinigkeit der Straße.


In den letzten Tagen hatte ich die Gelegenheit, dahinter zu schauen. Hinter Masken und schöne Worte, hinter Bilder und polierte Instagram-Storys. Überall fand ich Menschen, die wie ich über Wurzeln stolperten und an Grenzen strauchelten. Ich fand Antworten auf meine Fragen.




2023 ist irgendwie eine Bitch. Die Tage sind wieder voller Leben, die Münder unmaskiert, die Musik besonders laut. Die Freiheit drängt mit voller Wucht in den Alltag. Doch hinterhältig schleicht sich die Rezession in Häuser und Wohnungen. Mopst, ein Stück von Traum und Konsum. Schluckt vor allem die Einzelnen. Weniger Geld im Portemonnaie, aber höhere Ausgaben. Unternehmen stagnieren an steileren Zinsbelastungen, die die Gewinne schmälern und Investitionen verteuern. Ein Kreislauf, der das Trendwachstum zäh auf unter einen Prozent ankeimen lässt. Deutschland hat an Doppelkrise aus Coronapandemie und Ukrainekrieg stark zu knabbern.


Und da stehen wir, die Soloselbstständigen, die kleinen Dienstleister und Weltverschönerer, die Künstler und Coaches. Wir winken mit unserem Business und erzählen unsere Erfolgsgeschichten in sozialen Netzwerken. Wir zeigen Storys von Zukunftsvisionen, von den Momenten, die uns strahlen lassen und wünschen uns in eine bessere Zeit.


Ich traf in diesem Jahr viele Entrepreneure, vor allem Frauen, die Leidenschaften und Jobs teilen. Sie lächeln, wie ich. Sie arbeiten, wie ich. Sie gehen weiter, unermüdlich. Wie ich. Und in einer stillen Minute fällt das Lächeln mit dem Mut.


»Ich suche mir eine zwanzig-Stunden-Stelle, neben meinem Business.«, höre ich sie sagen.


»Ich gebe auf«, klingt es verzweifelt an mein Ohr.


»Ich war kurz davor, alles hinzuschmeißen«, erzählt mir eine andere.


»Ich lebe von 800 Euro im Monat, ohne Steuerabzug«, bricht es aus einer Freundin heraus.


Soloselbstständige. Macher:innen. Visionäre.


Jetzt verstehe ich, warum Angebote und Absprachen unbeantwortet bleiben. Aus Verlegenheit wird Ghosting. Weil Freude und Erfolg willkommener sind. Weil Gewinnerstorys süchtig machen. Doch es ist wie mit jeder Sucht – sie macht krank.


Wie wäre es, wenn wir ehrlicher miteinander umgingen? Sagen, was Sache ist. Zeigen, dass wir Menschen sind. Dass, wir scheitern können. Dass, das Leben keinen Filter trägt. Und dass unsere Geschichten echt sind. Lasst sie uns miteinander teilen. Die guten und die schlechten Tage, den Erfolg und das heimliche Bangen um die Zukunft. Die Hoffnung und die Enttäuschungen. Vielleicht sind wir gemeinsam stärker, wenn wir ehrlich miteinander sprechen.


Und ich frage dich mit von Herzen kommenden Interesse:


Wie geht es dir wirklich?


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