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Wer viel kann, muss viel machen.

Zum Beispiel Schokokrümelbrötchen statt Nussaufstrich.

Die Sonne scheint warm durch das Terrassenfenster, obwohl der Herbst seine ersten kleinen Stürme durch die Büsche schickt. Wir sitzen am Frühstückstisch und ich zwinkere einen Lichtpunkt aus den Augenwinkeln weg. Schön ist er, dieser letzte Morgen in unserem winzigen Ferienhaus an der Ostsee. Der Kaffee duftet in Keramikbechern und der Hund schnarcht leise an seinem Sonnenplatz. Das Buttermesser gräbt sich durch die knusprige Brötchenhülle, als unser Kind fröhlich nach Mamas Krümelaufstrich verlangt. „So wie du dein Brötchen als Kind gegessen hast, ja!“, fordert sie bestimmend. Mein Mann schaut mich an, ich zucke mit den Schultern. „Na mit Krümelschoki.“, deutet sie seinen Blick richtig. „Das muss die Mama machen.“, meint er daraufhin und reicht mir das halbe Brötchen mit Butter rüber. „Ach Papa, das geht doch ganz einfach. Du musst die Schokolade nur mit dem Messer raspeln.“, erklärt ihm unsere Vierjährige richtig. Mein Partner in Crime & Life grinst. „Kann Mama besser!“ Ich grinse auch und zitiere meinen eigenen Vater: „Wer viel kann, muss viel machen. Merk dir das gut, mein Kind.“

Ich hab‘s mir nicht gemerkt, und mutmaße, dass dieser Spruch eher ein Männerding ist.

„Kann der Papa auch, will er aber nicht.“, sage ich salopp und raspele engagiert die Schoki auf das Brötchen unserer Tochter. Wie früher, vor vierzig Jahren, als Schokoaufstrich zur Bück-dich-Ware in der ehemaligen DDR gehörte. Nudossi. Damals wie heute. Nur wird es heute im Regal, statt unter dem Ladentisch gehandelt und ehrlicherweise habe ich es nie gekauft. Nutella auch nicht. Ich krümele noch immer gern Vollmilchschokolade auf mein Brötchen. Weil ich es so mag. Nenn es Nostalgie oder eine schöne Erinnerung an die Sonntagmorgen meiner Kindheit am Küchenholztisch meiner Eltern, während der alte Birnbaum vorm Fenster leise raschelte und Nachbars Rasenmäher sich in die ersten saftigen Grashalme grub.

Dann überlege ich, dass es gut ist, viel zu können. Denn egal was im Leben passiert: ich bin vorbereitet.

Reifen wechseln? Check! Brot backen? Check! Das Internet zum Laufen bringen? Check! (Gelöscht habe ich es auch schon.) Hundekacke aus Kindergummistiefel puhlen? Check! Wände tapezieren? Check! IKEA-Schränke mit nur einem Schraubendreher aufbauen? Check!

Also alles Dinge, die wichtig sind, um sicher am Leben teilnehmen zu können. Nur eine Bierflasche mit einem Feuerzeug öffnen, das kann ich bis heute nicht. Da bleib ich ganz damen- und standhaft und überlasse dieses schwierige Terrain meinem Mann. Sieht auch viel cooler aus, wie er mit einem Klick den Kronkorken wegschnippt. Bei mir würde die ganze Flasche hinterherkicken.

Und so teilen wir uns auf in Können, Wollen und (Nicht-) Tun. Er öffnet mir meine Flaschen und den Blick für Dinge, die ich manchmal nicht sehen kann und lehrt unser Kind in Sprechgesang zu Rappers Delight.

I said-a hip, hop, the hippie, the hippie to the hip hip hop-a you don’t stop the rock. The Sugarhill Gang »Rappers Delight«

Ich zeige unserer Tochter, wie Regale an die Wand gezimmert werden und meinem Mann, dass wir in unserem nicht-Perfekt-sein, perfekt zusammenpassen.  Manchmal vergesse ich das nämlich. Wenn der Alltag zu sehr an der Substanz nagt. Wenn ich mich vergesse. Freundschaften schleifen lasse, Telefonate verschiebe und abends mit unserem Kind ins Bett falle und einen unruhigen Schlaf schlafe. Weil ich keine Pausen eingelegt habe. Weil ich bis zum Grund meiner Kraft geschöpft und den Tank leer gelassen habe. Die letzten Meter bis zur Tankstelle bin ich nicht in meinen Boots, sondern eher kriechend auf allen Vieren gegangen. Hab dabei geschimpft und die Verantwortung im Außen gesucht. Doch da war sie nicht zu finden, egal wie sehr ich es versucht und die letzten Tropfen Energie darauf verschwendet habe. Die Verantwortung für mich, liegt bei mir.

Und zwischen Schokokrümelbrötchen und goldener Herbstsonne wird mir plötzlich klar: Es ist gut, viel zu können, wenn man dabei auch mal abgeben kann.

Abgeben, das habe ich in diesem Urlaub auch getan. Weil es gar nicht anders ging und schlussendlich ging es sogar sehr gut so. Kind und Papa haben viel Zeit miteinander verbracht, während ich meinen grummeligen Magen und die Erschöpfung der letzten Wochen teilweise im Bett, teilweise am Ostseesandstrand kuriert habe. Hat allen gutgetan. Vor allem die gemeinsamen Stunden, die Meeresluft und dass wir als Familie ein sicheres und festes Band sind.

Wenn jeder für sich und auch immer ein wenig für den anderen sorgt. Gibt und abgibt. Wenn mein Mann das Brötchen unserer Tochter buttert und ich die Schokolade darauf raspele, während sie genau beobachtet, was ich tue und der Hund selig schnarcht.

Wer viel kann, kann viel machen. Muss es aber nicht.

Fußnote: Und wenn nichts mehr geht, Musik geht immer:

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