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Vom Leben mit besonderen Kindern.

Ein Ausschnitt über die Herausforderungen und Möglichkeiten, besonderen Kindern ein normales Leben zu ermöglichen.

Mit vierzig Jahren habe ich mein erstes Kind geboren. Es war meine zweite Schwangerschaft. Statistisch gesehen, war das Risiko, ein behindertes Kind zu gebären, erhöht. In langen Gesprächen haben mein Mann und ich versucht herauszufinden, wie wir mit der Diagnose Behinderung umgehen würden. Ob wir stark genug wären, einem besonderen Kind eine gute Familie zu sein. Wir hatten uns für das JA entschieden. Und waren in unserer Ahnungslosigkeit sehr naiv.

Vor fünf Jahren habe ich ein gesundes und ganz zauberhaftes Mädchen zur Welt gebracht. Wir könnten nicht glücklicher sein. Als Eltern veränderst du dich. Deine Prioritäten verschieben sich und auch die Ansichten und der Glaube über das Leben passen sich neu an. Ich bin Mutter geworden, weicher und geduldiger. Aber auch klarer und konsequenter. Und dankbarer. Viel dankbarer für dieses Leben, für die kleinen Dinge – und dafür, dass unser Kind gesund ist. Psychisch und physisch. Denn dass das Leben mit einem besonderen Kind viel schwieriger ist, als in unserer geschönten Vorstellung, war mir nicht bewusst.

Bis der Sohn einer lieben Bekannten die Diagnose Autismus bekam. Da war er drei Jahre alt. In den »normalen« Kindergarten passte er nicht. Vor Ort war keine eins-zu-eins-Betreuung möglich. Generell war die Informationslage eher ungenügend und meine Bekannte blieb auf vielen ungeklärten Fragen sitzen. Die Angebote zur Betreuung bezogen sich meist auf Behinderteneinrichtungen. Dort hat sie ihren Sohn nicht gesehen. Dort würde er sich nicht wohl fühlen. Die Suche ging weiter, führte sie in integrative Kindergärten, deren Möglichkeiten zur fokussierten Betreuung erschöpft waren. Blieb noch der Weg der eigenen Pflege daheim. Bis zur Schule, denn dann gibt es wieder andere Aussichten. Konnte sie sich das leisten? Ihr Gehalt würde wegfallen, ihr sicherer Arbeitsplatz in drei Jahren vergeben sein. Vor allem, würde sie das mental durchstehen? Für autistische Kinder gibt es in Leipzig wenige Angebote zur Unterstützung.

Meine Tochter besucht einen integrativen Kindergarten. Mir ist es wichtig, dass für sie alle Kinder gleich sind. Ich wünsche, dass sie keinen Unterschied zwischen Herkunft, geistiger oder körperlicher Behinderung macht. Das sie das Kind als das sieht, was es ist: ein Kind.

Ein Kind ist ein Kind. Bianca Bretschneider, Känguru

Sie ist sehr feinfühlig. Natürlich merkt sie, dass es sprachliche Unterschiede gibt – und im Verhalten. Eines der Kinder hat einen zusätzlichen Betreuer, weil es impulsiver ist, weil zwei Erzieher für eine vierzehnköpfige Gruppe mit einem besonderen Kind nicht ausreichen. Und obwohl sie manchmal die Launen des anderen Kindes abbekommt, mag sie es gern. Wir reden viel darüber. Dass sie ihre Grenzen ziehen und STOPP sagen muss. Denn so wie das andere Kind nicht für seine Verhaltensauffälligkeit verantwortlich gemacht werden kann, muss sie die Ausmaße nicht hinnehmen. Dafür sind wir Eltern da, um unsere Kinder an die Hand zu nehmen und ihnen das bestmögliche Leben zu geben, ihnen beizubringen, menschlich zu sein, ohne die eigene Würde zu verlieren. Für die eigenen Werte einzustehen und aufzustehen, wenn es nötig ist.

Ein Kind zu erziehen, es mit viel Liebe aufwachsen zu lassen und dabei die Individualität dieses kleinen Menschen zu berücksichtigen, halte ich für eine der anstrengendsten und wichtigsten Aufgaben im Leben eines Elternteils.

Das sind jeden Tag mehr als einhundert Prozent, vierundzwanzig Stunden lang. Wenn dann das eigene Kind aus dem Rahmen fällt, wenn es besonders ist, bekommt die Care-Arbeit eine zusätzliche Aufgabe.

Die Betreuer des besonderen Kindes in unserer KiTa wechseln ständig und sind auf maximal vier Stunden täglich ausgelegt. Die Kapazität dieser Erzieher ist begrenzt – einmal, weil diese Arbeit sehr anstrengend ist und zum anderen wenig geschätzt. Finanziell und gesellschaftspolitisch. Das ist die harte Wahrheit. Doch was macht das mit dem Kind, dessen Verhalten auffällig ist? Das eine konstante Bezugsperson neben seinen Eltern benötigt.

Vor wenigen Wochen habe ich das erste Mal vom KÄNGURU Leipzig gehört. Als Teil der IFB Stiftung (Inklusion durch Förderung und Betreuung), setzen sie sich fürKinder und Erwachsene mit besonderen Bedürfnissen ein.

KÄNGURU arbeitet in all ihren Einrichtungen nach dem Prinzip der Inklusion. In den Kindertageseinrichtungen werden Kinder so gut wie möglich auf ihrem Weg in eine dafür offene Gesellschaft begleitet. Inklusion bedeutet aus dem lateinischen übersetzt Einschluss. Jedes Kind soll an einem normalen Alltag teilhaben dürfen. Unabhängig vom Alter, der sozioökonomischen, kulturellen und ethnischen Zugehörigkeit oder dem Geschlecht.

Jedes Kind hat als Teil unserer Gesellschaft Anspruch auf Bildung. Dafür setzt sich der Verein jeden Tag ein. Aktuell gibt es in Leipzig fünf Einrichtungen dieser Art. Eine sechste ist geplant. Finanziert wird der Verein über die staatlich bestimmten Elternbeiträge und Spendengelder.

Menschen jeden Alters und Herkunft miteinander verbinden

Ich habe mit Mitarbeitern von KÄNGURU gesprochen und von einem Konzept erfahren, dass den Zusammenschluss von Generationen in einem Haus vorsieht. Alt und Jung. Deutsch beheimatet und aus anderen Ländern. Es ist ein sehr menschliches Konzept, was gar nicht so leicht umzusetzen ist. Vor allem fehlt es an Räumlichkeiten. Und an Zuspruch, an Verständnis und Sichtbarkeit. Für einen Artikel in unserem Stadtmagazin werde ich mich noch einmal mit dem Verein in Verbindung setzen. Bis dahin möchte ich aus Herzensgründen, als Mutter und Mensch auf KÄNGURU und den IFB hinweisen.

Weil es unsere Kinder sind, die zu Erwachsenen werden und diese Welt gestalten wollen. Weil Unterschiede dieses Leben interessant machen. Weil die staatliche Unterstützung für unsere Kinder – mit oder ohne Behinderung – nicht ausreicht. Weil jedes Kind die Chance auf ein schönes Leben haben sollte. Und weil vor allem Eltern mit besonderen Kindern mehr Sichtbarkeit und Hilfe brauchen.

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