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Erste Levis, erste Liebe und ein Sommer voller Möglichkeiten.

Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Ich laufe durch den Park und die Morgensonne kitzelt warme Lichtpunkte auf meine Haut. Eine kleine Erinnerung summt leise wie eine Biene um mich herum.

1995

Ich sehe ein weit geöffnetes Dachfenster und darunter mich in meinem Bett liegen. Achtzehnjährig. Es ist Samstag. Schulfrei. Mit noch geschlossenen Augen höre ich dem entfernten Brummen des Rasenmähers aus dem Garten zu. Ein Hund bellt. Sicher ist es meiner, der aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd um meinen Vater herumrennt, weil dieser knatternd das Gras kürzt. Nun lächele ich der Sonne entgegen und freue mich jetzt schon auf den Abend. Ich bin verliebt. So richtig doll. Und heute werde ich ihn wieder sehen. Dort, wo sich alle Samstagnacht tummeln. In der Disco.

Disco. Ich schmunzele und erwache kurz aus meiner Erinnerung. So hieß das damals, vor über zwanzig Jahren. Die Kids heute gehen in den Club. Meine Nächte verbrachte ich am liebsten im YOU TOO. Das hieß damals wirklich so. Während ich weiter über die frisch geschnittene Wiese laufe, blicke ich wiederholt zurück zu meinem jugendlichen Ich, im Bett liegend, mit einem Sommer voller Möglichkeiten im Herzen.


Ob er mich heute ansprechen wird? Ob wir heute zusammen tanzen werden? Mit einem Seufzer drehe ich mich auf die Seite und betrachte meine neue Jeans auf dem Stuhl gegenüber meinem Bett. Hellblau gewaschen, mit dem typischen braunen Lederschild und dem roten Kleiderlabel an der Potasche. Meine neue Fünf-Null-Einser. Einhundertdreißig Mark hatte ich dafür bezahlt, hart erspart von meinem Nebenjob an der Eistheke eines Bowlingcenters. Daneben liegt ein weißes Neckholdertop.


An die Schuhe kann ich mich nicht mehr erinnern. Waren es Sneaker oder Schuhe mit Absatz? Absätze hatte ich gern getragen, aber eben auch Turnschuhe. So hießen diese damals. Adidas Torsion ZX8000 waren der ewige Favorit. Hellblau mit gelben Streifen. Manchmal laufen mir diese heute noch über den Weg.

Mein damaliges Disco-Outfit ist ein viertel Jahrhundert später tagestauglich geworden. Levis 501 (heute in der Kategorie MOM-Jeans) in Kombination mit einem Cropped Top.

Mode ist eben keine ständige neue Erfindung, sondern eine Neuinterpretation von Vergangenem. Mandy Kämpf

Früher wie heute trägt Frau dazu Markenturnschuhe, seit neuestem gesellt sich noch das Designerhandtäschchen dazu. In den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts wurden Geld und ein Taschentuch in der Zigarettenschachtel aufbewahrt und der Rest mit der Jacke an der Garderobe abgegeben. Smartphones gab es noch nicht und Handys waren so teuer, dass ich mir noch keines leisten konnte. Dafür stand das Telefon daheim niemals still. Ich sehe mich noch davor sitzen und auf seinen Anruf warten. Im Flur unserer Wohnung. Zwischen Eingangstür und Eltern, die jedes Wort hören konnten.

Ich starrte auf den moderneren Tastenapparat, der selbstverständlich hübsch auf einem gehäkelten Platzdecken arrangiert war. Wohndeko in den 90ern. Meine Mom hätte keinen Preis gewonnen. Und als es endlich klingelte, zählte ich die Töne mit. Eins. Zwei. Drei.

„Möchtest du nicht rangehen?“, fragte mich mein Vater.

„Nein!“, zischte ist entsetzt. „Er soll nicht denken, dass ich auf seinen Anruf warte.

Vier. Fünf…

„Hallo!“, rief ich atemlos in den Hörer hinein. Mein Herz klopfte bis in den Hals.

„Hier ist Oma. Alles gut bei dir?“

Natürlich trafen wir uns am Abend. Natürlich tanzten wir zusammen, während George Michael sein Careless Whisper seufzte. Seine Hände auf den Potaschen meiner 501er. Meine Arme auf seinen Schultern, während meine Nase seinen Geruch in der Halskuhle einatmete und konservierte. Für später. Allein in meinem Bett, mit all den Gedanken und meinem übervollen Herzen.

Wir waren die deutsche Version von Vic und Matthieu aus La Boum – die Fete. Nur ein Jahrzehnt später. Und weniger dramatisch. Es war ein schöner Sommer. Mit dem Duft von frisch gemähtem Gras; scheuen Küssen, während wir tanzten; mit hellblauen Levis und dem Wissen, dass unsere Zukunft darauf wartet, wild und frei gelebt zu werden.

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