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Auf die Freundschaft und das Leben

44: wann ist das denn passiert?

 

Da sitzen wir nun, mit unserem Leben im Gesicht. Mittelalt. Und irgendwie nicht mehr ganz so cool. Der Lack blättert nicht nur an den Fingernägeln ab, auch unsere Fassade hat kleine Risse bekommen hat. Außen wie innen. Nicht mehr zwanzig sein, nicht mehr vom großen Ganzen träumen, sondern auf dem Boden der Tatsachen unseren Alltag so ganz Instagram-untauglich zusammenpuzzeln. 

 

Schaue ich in die Gesichter meiner Generation, meiner Freunde, Bekannten, ehemalige Mitschüler, so sehe ich noch immer die Jungen und Mädchen von damals, aber nicht die Mütter und Väter von heute. Nicht den erwachsenen Menschen, nicht die Person in der Mitte ihres Lebens.

Selbst die Frau, die mir aus dem Spiegel entgegenblickt, fühlt sich jünger, als sie ist. Sie hat noch Flausen im Kopf und das alte Lächeln im Gesicht.

 

Mandy im Selbstporträt

Wo sind sie also hin, die letzten zwanzig Jahre? Und warum drehen sich die Zeiger der Uhr mit zunehmendem Alter immer schneller? Ist unser Alltag ausgefüllter? Wenig innehalten, kaum noch anhalten, dafür mit Vollgas in die zweite Hälfte des Lebens starten? So habe ich mir das nicht vorgestellt. Und überhaupt war meine Vorstellung von Leben mit Anfang zwanzig eine andere. Ich hatte nämlich ganz konkret gar keine. Meine Zukunftsgedanken waren – wenn überhaupt – ganz diffus, dafür klassisch ausgerichtet. Beruf? Ja! Ich wollte so vieles sein und tatsächlich habe ich in meiner beruflichen Laufbahn viel ausprobieren dürfen. Zum Beispiel als Personal Shopper zu arbeiten. Ich hatte ganze zwei Kundinnen, diese waren dafür über das Maß glücklich mit meiner Beratung und haben an späterer Stelle noch einmal angefragt. Zu diesem Zeitpunkt war ich jedoch schon angestellt und meine Arbeit ließ mir keine Zeit für Nebenjob-Eskapaden. Wer weiß, vielleicht wäre ich heute schon eine große Stil-Ikone und würde für die deutsche Vogue arbeiten, hätte mein Insiderwissen mit Millionen anderer in einem Buch geteilt und würde teure Kurse für besseren Stil auf Instagram verkaufen. Klingt cool, ist es bestimmt auch. Aber auch das Wörtchen cool altert mit der Zeit und erfindet sich als kuhl wieder. Habe ich von der Jugend gelernt. Neue speech eben. Und weil ich die alte Schreibweise so viel lieber mag, werfe ich mir kein neues Mäntelchen über, sondern bin, wer ich bin: Mandy, 44. Schreibt gern. Das war ich, das bin ich und das werde ich in Zukunft noch viel mehr tun. Kolumnen. Bücher. Interviews.

 

Vielleicht stecke ich auch in einer kleinen Krise, so inmitten meines Lebens. Ein bisschen frage ich mich nämlich, was da noch kommen mag. Und ob ich das mag, was da kommt. Die Falten, die Menopause, das Tanzcafé. Mir fehlt gerade ein wenig positive Aufregung. Könnte auch an dieser endloslangen Pandemie liegen, an den undurchsichtigen Regeln und den damit verbundenen DON’Ts. Wenig Kultur, keine Konzerte, Kontaktbeschränkungen. Und dann ist da dieser Januar, dem ich wünsche, dass er sein graues Gesicht endlich einmal für ein paar Stunden oder gar Tage der Sonne entgegenstreckt. Könnte ihm guttun. Mir im Übrigen auch.

 

Vielleicht hilft für den Anfang auch ein Frühstück mit Freunden. Ein Sichtwechsel und eine kleine Alltagsflucht. Fernab von Arbeit, Haushalt und Kindererziehung. Kurz aus der Trotzphase der Vierjährigen auftauchen und mit den Girls von damals in Erinnerungen und guten Kaffee abtauchen.

 

Die Girls von damals, sind noch immer die Freundinnen von heute. Eine Konstante, die in den Jahren manchmal wackelig, aber glücklicherweise stabil geblieben ist. Über vierzig Jahre Freundschaft. Vier Frauen. Wir waren die Vorlage für „Sex and the City“, oder zumindest sind wir irgendwie die deutsche Version davon. Mit ein paar abgewandelten Rollen.

 

Wir sind in Summe um drei Kinder reicher geworden, um einen Ehemann (Scheidung) und unzählige Liebhaber ärmer (Trennung), sind unseren Arbeitgebern treu geblieben oder eben nicht, haben Kleidergrößen, Modestile und Haarfarben gewechselt, uns verschieden ausprobiert, sind manchmal gescheitert, aber immer wieder aufgestanden. Und da war immer eine von uns, die ihre Hand gereicht hat, die den Dreck vom Kleid geputzt und die Mut zugesprochen hat. Freundinnen eben. Fast ein halbes Jahrhundert.

 

LitPop 2016

Dann schaue ich in ihre Gesichter und sehe die Mädchen von damals. Mit ihren Träumen in Miss Sixtie-Jeans und braunem Lippenstift auf unschuldigem Lächeln. Und ich frage mich, wo die Zeit hin ist und weshalb der braune Lippenstift aktuell ein Revival erlebt, obwohl er vor zwanzig Jahren schon grauenhaft aussah. Vielleicht sollte ich doch eine Stil-Ikone werden, ein bisschen Zeit habe ich noch. Fünfundfünfzig Jahre wenigstens. Das ist mein Ziel. An dieser Stelle möchte ich gern meine Gynäkologin zitieren, mit der ich über das Älterwerden sprach und über die Hoffnung, dabei gesund und fit zu bleiben:

„Oben frei und unten dicht!“

 

In diesem Sinn: auf die Freundschaft und das Leben! Das Alter kommt von ganz allein.

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